DER RABBI UND DAS GENFER KONTO

Der Jüdische Weltkongress steht am Abgrund. Ungetreue Geschäftsführung, versuchter Diebstahl, Geldwäscherei: So lauten die Vorwürfe an Israel Singer, den starken Mann im WJC. Singer liess 1,2 Millionen Dollar der Organisation auf das Konto eines Freundes überweisen. Jetzt fordern Juden aus der ganzen Welt rückhaltlose Aufklärung.

Welch stolze Organisation! 1998 zwang der Jüdische Weltkongress (WJC) die Schweiz in die Knie. 1,25 Milliarden Dollar holte er bei den Banken heraus. Und dies als Vergleichssumme für ein paar Dutzend Millionen Dollar, die hier auf ein paar nachrichtenlosen jüdischen Konten lagen.

Schon lange hatten sich Präsident Edgar Bronfman und sein Generalsekretär Israel Singer in New York nicht mehr derart freuen dürfen. Letztmals vielleicht Ende der Achtzigerjahre: Da war es ihnen gelungen, die Nazi-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten ans Licht zu zerren. Das US-Aussenministerium setzte den hageren Staatsmann auf seine schwarze Liste, und ein Herr Waldheim, Kurt, ehemaliger Uno-Generalsekretär, sah sich einem faktischen Einreiseverbot ausgesetzt.

Oder wer dürfte es je vergessen? 1952 vermittelte der damalige WJC-Präsident Nachum Goldmann das Abkommen zwischen Nachkriegsdeutschland und Israel: Die Deutschen zahlten Wiedergutmachung für die Nazi-Verbrechen. Damit trat der junge Staat die Rechtsnachfolge der vernichteten Juden an und zementierte gleichzeitig den Anspruch, das jüdische Volk in seiner Gesamtheit zu vertreten. Eine Doktrin, die Israel bis heute gegen Kritik und Einmischung imprägniert. Als ihr internationaler Verstärker funktionierte ab sofort der Jüdische Weltkongress.

Seine politische Geburtsstunde erlebte er 1942: Am 20. Januar beschlossen die Nazis in einer Villa am Berliner Wannsee die «Endlösung der Judenfrage», sprich den Massenmord als industrielles Unternehmen. Gerhard Riegner, ein junger Jurist und Genfer Repräsentant des 1936 gegründeten WJC, erhielt als einer der Ersten Kunde vom Undenkbaren. Sein Telegramm an das US-Aussenministerium blieb für die Kriegsführung der Alliierten zwar wirkungslos, doch gerade deswegen sah sich der Jüdische Weltkongress fortan als Speerspitze des jüdischen Volks.

Heute aber kämpft die Dachorganisation von rund 80 nationalen und internationalen jüdischen Körperschaften ums Überleben. Und die Schlacht tobt allein in ihrem Innern. Von ungetreuer Geschäftsführung, versuchtem Diebstahl bis zu Geldwäscherei reichen die Vorwürfe. Der Krach spielt in der Schweiz. Im Zentrum stehen die zwei Männer an der Spitze: Edgar Bronfman, Milliardär, ehemaliger Besitzer des Schnaps-Imperiums Seagram, seit 1981 Präsident. Und Israel Singer, ausgebildeter Rabbi, seit Mitte der Achtzigerjahre starker Mann im WJC.

Vordergründig geht es um 1,2 Millionen Dollar, die Singer mit Bronfmans Segen über ein geheimes Genfer WJC-Konto für eigene Zwecke abgezweigt haben soll. Fest steht: Am 1. Juli 2003 veranlasst er persönlich, dass das Geld einem Freund in Israel überwiesen wird. Dies, ohne die Verantwortlichen in Genf zu informieren. Betroffen sieht sich seither auch der Dachverband der jüdischen Gemeinden in der Schweiz, der SIG. Dessen Genfer Präsident Alfred Donath hatte seitens der Schweizer Juden zunächst nur um Klärung der Vorgänge gebeten. Prompt aber musste sich der 72-jährige Professor und Arzt von Singer übel beschimpfen und massiv unter Druck setzen lassen.

Was ist geschehen? 2001 erhält der Jüdische Weltkongress von seiner Partnerorganisation in Israel, der Jewish Agency, 1,5 Millionen Dollar. Zuvor hat diese halb staatliche Agentur eigentlich beschlossen, sämtliche Beiträge an jüdische Organisationen ausserhalb Israels zu streichen. Zu sehr drückt die Not im eigenen Budget. Aber auch Singer plagen Geldsorgen. Es gelingt ihm, die Agentur zu dieser letzten Zahlung nach New York zu drängen. Was er seinen Freunden in Jerusalem nicht sagt: Das Geld soll nicht für WJC-Aktivitäten eingesetzt werden, sondern zu Gunsten seiner eigenen Pension - denn Singer wird im September den bezahlten Posten des Generalsekretärs an einen Nachfolger abgeben und sich zum WJC-Direktoriums- Vorsitzenden wählen lassen. Ein Ehrenamt. Dennoch bezieht er jährlich über 200'000 Dollar. Aber wer weiss schon, wie lange das gut geht. Eine Pension muss her. Wo soll er sie einrichten?

In mehreren Tranchen zur UBS in Genf In New York erweisen sich die rechtlichen Verhältnisse als zu umständlich, die Zweigstelle in Israel verspricht auch keine lukrativen Möglichkeiten. Also parkiert er das Geld auf einem Konto des etwas verwaisten Büros in Genf. Hier wacht nur ein achtzigjähriger, kranker Buchhalter über die Finanzen. In mehreren Tranchen treffen von der New-Yorker WJC-Zentrale insgesamt 1,2 Millionen Dollar bei der UBS Filiale Chemin Louis Dunant ein. Die letzten zwei Überweisungen von 150'000 und 200'000 Dollar verbucht sie auf den 10. Januar beziehungsweise den 11. Februar 2003. Das begünstigte Konto 0240- 255'888.60K ist mit «Spéciale» rubrifiziert. Ausser dem Buchhalter und Singer kennt es zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Doch um die Jahreswende 2002/03 setzt der neue Generalsekretär die dynamische Maya Ben-Haim als Direktorin im Büro an der Rhone ein. Von der Millionen- Verschiebung weiss die 29-Jährige zwar noch nichts, entdeckt aber andere «alarmierende Missstände» in den Büchern. Ohne Zögern teilt sie dem Buchhalter am 24. Juni mit, dass sie seine Dienste ab sofort nicht mehr in Anspruch zu nehmen gedenke und kündigt ihm per Ende September. Am 29. Juni 2003 informiert sie ihre Vorgesetzten an einem Treffen in London über finanzielle Unstimmigkeiten und die Entlassung des Finanzmanns. «Die wichtigste Frage ist, warum er jeden Monat 2200 Franken in bar zusätzlich zu seinem Lohn bezieht.» Singer sah «irgendwie schockiert aus», wird später ein Zeuge berichten. Aber keiner der Anwesenden ahnt zu diesem Zeitpunkt, um wie viel Geld es hier tatsächlich geht. Und Singer?

Hastig macht er sich auf nach Genf. In einer Blitzaktion holt er den herzkranken Buchhalter am 1. Juli aus dem Pflegeheim und treibt ihn zur Bank. Es eilt. Am folgenden Tag schon erlischt die Unterschriftenberechtigung des freigestellten Buchhalters. Alles klappt. Gemeinsam leeren sie das geheime 1,2-Millionen-Dollar-Konto bis auf den letzten Cent. Ein Fehler, wie sich bald herausstellen wird.

Der Betrag wird Singers israelischem Freund Zvi Barak mit dem Vermerk «Für die Pension» ins Ausland überwiesen. Das Geld befindet sich danach in einem Depot Baraks bei der HSBC-Bank in London, bestätigt die Leitung des WJC heute.

Singer lässt das Genfer Büro schliessen Lange bleibt die Geldverschiebung im Genfer WJC-Büro unbemerkt. Und so hätte es bis zum heutigen Tag bleiben können. Doch am 2. Oktober 2003 erhält die Direktorin einen sonderbaren Kontoauszug: Nach einer einmaligen Auslandüberweisung von 1,2 Millionen Dollar schliesst das Konto 0240-255888.60K mit einem Minus von 40 Dollar 73 Cent. Es hat nicht einmal mehr Geld für die Bankgebühren. Frau Ben-Haim staunt. Auch der Anwalt der Genfer WJC-Vertretung reibt sich die Augen. Sofort unterrichten sie New York. Singers Nachfolger als Generalsekretär, Avi Beker, gibt umgehend Anweisung, eine interne Untersuchung durchzuführen.

Im November dann die zweite Überraschung. Avi Beker verlässt den WJC. Wie aus Direktoriumskreisen zu erfahren ist mit einem goldenen Fallschirm im Wert von einer Million Dollar. An Stelle des Generalsekretärs übernimmt ein neu geschaffenes Operatives Komitee die laufenden Geschäfte. Nebst Israel Singer nehmen WJC-Vizepräsident Isi Leibler und Generaldirektor Elan Steinberg Einsitz. Sie haben beide keine Kenntnis von den Vorgängen in Genf. Als Teil ihrer «allgemeinen Bemühungen um die Restrukturierung des WJC» besuchen die Herren das Genfer Büro am 19. November. Gemäss Protokoll waren sie zu diesem Zeitpunkt immer noch ahnungslos. Im Dezember folgen weitere Besuche. Niemand wird ins Bild gesetzt. Auch nicht von Kollege Singer.

Am 30. März 2004 schliesst das Operative Komitee auf Vorschlag Singers das Genfer Büro. Ein Schreiben an die Direktorin erklärt: «Der WJC hat entschieden, keine permanente Vertretung mehr in Genf zu unterhalten.» Den Beschäftigten wird mit sofortiger Wirkung gekündigt. Frau Ben-Haim wendet sich ans Arbeitsgericht und stellt sowohl ihre Entlassung als auch die Büroschliessung in Frage. Sie erreicht einen Aufschub und schliesslich eine persönliche Abfindung.

Übrig bleibt der langjährige Rechtsberater der Genfer WJC-Vertretung, Daniel Lack. Er ist es, der den Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds alarmiert. Am 25. April schreibt Alfred Donath an Edgar Bronfman. Höflich, aber bestimmt verlangt er eine Buchprüfung. Ausserdem fragt er, warum das Genfer Büro so überstürzt geschlossen werde, und bittet, den Entschluss zu überdenken.

Am 14. Juli schreibt Rechtsanwalt Lack in einem mit «Vertraulich» bezeichneten Brief an Israel Singer von «gewissen potenziell ernsthaften Unregelmässigkeiten». Er warnt ihn: «Ich glaube, eine Buchprüfung durch eine unabhängige Firma ist erforderlich. Ich verstehe, dass die Situation für dich persönlich delikat sein mag, aber wir müssen handeln, sichtbar handeln. Wir müssen den WJC vor allen möglichen Beschuldigungen wegen Unfähigkeit, Unterschlagung und Geldwäscherei schützen.»

Lack informiert auch den WJC. Somit erhält das Operative Komitee erstmals Kenntnis von den Vorkommnissen in Genf. Am 18. Juli treffen sich die Herren Singer, Leibler und Steinberg wieder. Singer versichert gemäss Protokoll, dass es sich bei den 1,2 Millionen Dollar um eine «autorisierte Überweisung zu Gunsten von WJCPensionen handelt». Dennoch beschliessen sie, die 1,2 Millionen zurückzufordern und auf ein spezielles Konto in New York zu überweisen. Singer muss wegen Befangenheit in den Ausstand treten. Zu diesem Zeitpunkt hat das Geld 12'000 Dollar Zins getragen, was laut Protokoll «mit Befriedigung zur Kenntnis genommen wird». Doch bei Leibler und Steinberg reicht die Zufriedenheit nicht weit.

Nach eingehender Lektüre der Lack- Korrespondenz verlangen sie von ihrem Kameraden Singer Auskünfte über die verdächtigen Geldbewegungen. Die Quittung erfolgt sogleich. Am 16. August erfahren sie von WJC-Präsident Edgar Bronfman per Mail «privat und vertraulich von der Entscheidung, das Operative Komitee aufzulösen und durch ein Steuerungskomitee zu ersetzen».

Bronfman bläst zum Gegenangriff An der Spitze des frisch aus der Taufe gehobenen Ausschusses inthronisiert Bronfman «meine rechte Hand bei Seagram», Stephen Herbits. Der 62-Jährige war während der letzten Jahre Berater im US Verteidigungsministerium unter Donald Rumsfeld. Ihm traut Bronfman zu, dass er «alle Angriffe gegen den WJC abwehren wird», und warnt seine Kameraden per Memorandum schon mal vorsorglich: «Ich betrachte alle diese Angriffe als Überfälle auf mein Amt, meine Integrität und meine Person. Keine Anstrengungen sollen zu gross, keine Kosten zu hoch sein im Kampf gegen diese verabscheuungswürdigen Missklänge.»

Doch die lästigen Schweizer lassen sich nach Singers Attacke gegen ihren Chef Alfred Donath nicht mehr einfach besänftigen. Sie bestehen auf einer gründlichen Buchprüfung in Genf. Und auch Vizepräsident Isi Leibler stochert immer weiter. Mit sanfter Stimme, aber schneidenden Worten verlangt der 70-Jährige in Jerusalem Aufklärung: «Ich glaube, für die Mehrheit der 400'000 Spender zu sprechen, die berechtigt sind, gewissenhafte Geschäftsführung, Transparenz und Rechenschaft zu verlangen. Die Tage, da Führer und Manager ihre Organisation behandeln können, als wären es ihre persönlichen Pfründen, sind vorbei.»

Tatsächlich hegt manch ein Spender im Lichte der Genfer Affäre den Verdacht, dass hinter dem Geheimkonto noch andere fragwürdige Geschäfte zum Vorschein kommen. Sie verlangen mit Isi Leibler und den Schweizer Juden eine umfassende, unabhängige Buchprüfung über sämtliche finanziellen Operationen des WJC während der letzten Jahre. Und sie bestehen auf der Veröffentlichung aller Finanzberichte während dieser Zeit, fordern Transparenz aller Aktivposten und Bankkonten rund um die Welt.

Das könnte das Ende der gemeinnützigen Organisation mit einem jährlichen Acht-Millionen-Budget sein, die von Bronfman und Singer zu lange wie eine eigene kleine Firma geführt wurde. Ebenso wie ihr Hauptsponsor Edgar Bronfman ziehen auch die 400'000 andern Donatoren ihre Beiträge von den Steuern ab. Jetzt müssen sie fürchten, dass sich bald die Fahnder der Steuerbehörde um den WJC kümmern werden.

Um wenigstens die Schweizer ruhig zu stellen, hat Bronfman seinen neuen Spitzenmann Stephen Herbits über den Teich geschickt. Mit im Gepäck trägt er einen hastig erstellten Bericht der Buchprüfer von der Revisionsgesellschaft Loeb & Troper über das Genfer Konto. Am 28. Oktober trifft er die SIG-Delegation in Zürich. Aber die Unabhängigkeit der New-Yorker Auditoren wird angezweifelt. Sie arbeiten seit Jahren für die amerikanische WJC-Sektion. Ohne die gemeinsame Erklärung, wie sie Herbits schon entworfen hat, geht die Gruppe in der Nacht wieder auseinander.

Die Schweizer Juden halten ihre Forderung nach rückhaltloser Aufklärung rund um Singers «Geneva Gate» (das jüdische Wochenmagazin «Tachles») aufrecht. Nur ein Zückerchen kann Herbits seinen aufmuckenden Freunden versprechen: «Das Genfer WJC-Büro wird nicht geschlossen. Im Gegenteil, ich bin gerade mit der Rekrutierung eines neuen Teams beschäftigt. » Aber auch hierbei vermutet die andere Seite eine Finte: Wer garantiert, dass die relevanten Akten im verwaisten Büro an der Rue de Varembé 1 so lange intakt gelassen werden?

Bleibt das Eingreifen der Behörden. Noch hat man sich laut des Sprechers der Genfer Staatsanwaltschaft noch nicht mit dem WJC beschäftigt. Doch genau dies scheint Isi Leibler mittlerweile die wahrscheinlichste Perspektive.

So lange ist die ganze Wahrheit rund um das WJC-Konto in der Genfer UBSFiliale gut aufgehoben. Geschützt vom Schweizer Bankgeheimnis, das Singer bis heute als Hauptgrund nennt, warum die komplette Auszahlung der 1,25 Milliarden Dollar Vergleichssumme von 1998 nur schleppend vorankommt. Wer hätte gedacht, dass am Schluss vielleicht ein geheimes Konto auf einer Schweizer Grossbank das Schicksal des World Jewish Congress entscheidet?

Daniel Ganzfried
Copyright FACTS Nr. 45


Vergleich mit Israel Singer


Unter den Titeln "Der Rabbi und das Genfer Konto" vom 4. November 2004 und "Ich werde Dich zerstören" vom 18. November 2004 hat Facts zwei Artikel veröffentlicht, aus welchen die Leser hätten schliessen können, dass sich Israel Singer im Zusammenhang mit einer Überweisung von 1,2 Millionen Dollar strafrechtlicht relevantes Verhalten zu Schulden hat kommen lassen. Inzwischen wurde im Rahmen einer Untersuchung des New Yorker Generalstaatsanwalts mitgeteilt, dass kein strafredchtlich relevantes Verhalten von Israel Singer festgestellt werden konnte. Die erwähnten Artikel von Facts haben bezüglich der strafrechtlich relevanten Vorwürfe die Persönlichktisrechte von Israel Singer verletzt. Facts und der Autor Daniel-Jigal Ganzfried entschuldigen sich in diesem Punkt bei Israel Singer.