Ansichtskarte aus Auschwitz-Birkenau

Das frühere Konzentrationslager ist ein Touristenmagnet. Daniel Ganzfried, jüdischer Autor und Sohn eines KZ-Überlebenden, liess sich einen Tag lang mittreiben.

Von Daniel Ganzfried

Es hat ein wenig geregnet. Aber das macht nichts. Die geführte Tour beginnt ohnehin im Stammlager. Auschwitz I, wie die Kenner sagen. Hier kann man sich in den ehemaligen Blocks aufhalten bis das nasse Wetter abgezogen ist. Jedes dieser Backsteinhäuser beherbergt eine Ausstellung: Nummer 13: Roma und Sinti, Block 15: Polen und so weiter bis Block 27: Das Martyrium der Juden.

Am meisten Leute wollen immer die Elf besuchen, den Todesblock. «In der Ausstellung befindet sich ein Originalbock zur Prügelstrafe und ein Pfahl zum Aufhängen der Häftlinge, sowie ein tragbarer Galgen, an dem Hinrichtungen vorgenommen wurden», steht in der Informationsbroschüre. Im Untergeschoss wurde 1941 an 850 Opfern der erste Vergasungsversuch durchgeführt. Hier befinden sich auch verschiedene Folterzellen.

Sujets nach Geschmack und Verstand
Dann Besichtigung der Erschiessungsmauer im Hof nebenan. Ein beliebter Ort für Kranzniederlegungen; eben war der irische Parlamentspräsident mit Delegation hier, erklärt der Informator. Aus Pietätsgründen sagt hier niemand Führer. Apropos Führer: Für Gruppen sind sie obligatorisch und im Voraus zu reservieren.

Die Wolken haben sich verzogen. Der Backstein glänzt putzig unter der Spätsommersonne, die alles trocknet - Kiesweg, Rasen und Einweg-Regenpellerinen, die man am Eingang kaufen kann. Ein Pärchen hat im Todesstreifen zwischen dem Stacheldraht den geeigneten Standort für ein Erinnerungsbild entdeckt. Mann und Frau umfassen sich. Sie lachen froh. Der Führer drückt ab. So oft sie wollen. Auf einem Betonpfosten hinter ihnen hockt eine Nebelkrähe. Sie lässt sich krächzend fallen und fliegt flach über den Schotter zwischen den Pfahlreihen davon. 1300 Pfähle sollen auf den 13 Kilometer erhaltenem Zaun stehen. Ihre Konservierung inklusive originalgetreue Stacheldrähte und Keramikisolatoren finanzieren verschiedene Länder, aus denen Juden deportiert worden sind. Die Anlage wurde 1949 zum staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau deklariert. Seit 1979 steht sie auf der Unesco-Kulturerben-Liste.

Leben im Freilichtmuseum
Im früheren Krematorium von Auschwitz I befindet sich die einzige, begehbare Gaskammer des Lagermuseums. Krematorium ist eigentlich das falsche Wort. Besser, man sagt Todesfabrik. Denn die Verbrennungssöfen waren ja nur ein Teil der Installation, und der Schornstein nur der sichtbarste. Der Rest besteht aus den Maschinen zur Beförderung der Körper, Räumen in denen die Leichen verwertet wurden und dem Betonsaal mit den Öffnungen für die Zyklon-B-Behälter. Auch hier werden gerne Kränze abgelegt. Gleich neben der Todesfabrik steht noch der Galgen, an dem der ehemalige Lagerkommandant Rudolf Höss ein paar Jahre nach dem Krieg erhängt wurde. Unweit kann man seine damalige Villa sehen. Heute bewohnt sie wieder die Familie Soya - wie schon vor dem Krieg. Wenn sie das Grundstück dem Museum abtritt, soll eine Ausstellung über die Auschwitz-Prozesse installiert werden. Einstweilen spielen aber noch Kinder im Garten und ein alter Mann hackt Holz. Die früheren SS Gebäude beherbergen die Museumsverwaltung. Auch zwei Überlebende wohnen hier. Sie stellen sich Schüler- oder Studentengruppen als Zeitzeugen zur Verfügung. Für Gruppen, die länger in der Anlage bleiben wollen, stehen über dem Empfangsgebäude Schlaf- und Seminarräume bereit. Gerade erarbeiten sich zwei Schulklassen aus Deutschland mit Video, Zeichenblock und Fotoapparat Themen wie «Ärzte und medizinische Experimente in Auschwitz», «Sport und Spiel» oder «Frauen». Einige sind nach ihrem ersten Rundgang etwas betrübt. Sie hätten sich alles viel krasser vorgestellt. Nicht einmal Tränen seien ihnen gekommen, klagen sie ihrer Leiterin. In der kommunistischen Ära funktionierte dieser Komplex als Hotel. Die Inneneinrichtung und das Restaurant verströmen noch den Charme des Kasernensozialismus, der wohl erst ausgetrieben werden kann, wenn die Anlage modernisiert ist. Dann wird es vermutlich Eintritt kosten. Ein Unterfangen, das vorläufig daran scheitert, dass man von Überlebenden kaum ernsthaft Geld für einen Besuch in Auschwitz verlangen kann. Anderseits sind sie auf den ersten Blick nicht vom Rest der Besucher zu unterscheiden. Also gilt noch eine Weile für alle: Eintritt frei.

Konzentrationslager als Chance
Ein Gruppenbild beim Eingang unter dem «Arbeit macht frei»-Schriftbogen muss sein, bevor man sich zum Gelände von Birkenau drei Kilometer entfernt aufmacht. Vor der Dislozierung ist eine Zwischenverpflegung ratsam; man sollte nicht mit leerem Magen nach Birkenau, sagt jemand. Das ganze Freilichtmusuem ist von einer hundert Meter breiten Schutzzone umgeben. Das zirka 250 Hektar umfassende Gelände liegt zwar vollumfänglich auf dem Gebiet der Stadt Auschwitz, Polnisch Osviecim, aber an der Schutzzone endet die Macht des Bürgermeisters. Also kein Shopping Center, keine Discothek, kein Hotel - nur ein verloren wirkendes Restaurant und eine leere Pizzeria, ein Buch- und Souvenirladen mit Internet-Kaffee, eine Post und ein Geldautomat. Der 46 000 Einwohner zählenden Stadt bleiben auch so noch zirka 500 Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt dem ehemaligen Lager zu verdanken sind. Das Jahresbudget beträgt umgerechnet etwa fünf Millionen Franken.

Ein grösserer Arbeitgeber ist nur das Chemiewerk Dwory im Stadtteil Monowitz. Es steht auf den Grundrissen von Buna, einer nie fertig gestellten Fabrik der IG Farben, für deren Versorgung mit Arbeitsmenschen das wichtigste Aussenlager von Auschwitz betrieben worden war. Aber am verwitterten Monument findet sich derzeit nur die lokale Drogenszene ein. So begreift man in den entsprechenden Gremien der Stadt Osviecim, die sich nach Kräften um Touristen bemüht, wohl zurecht «Das Konzentrationslager als Chance» und unterstützt alle touristischen Initiativen.

Wie etwa das neue Jüdische Zentrum, von einer amerikanischen Stiftung in einer schön restaurierten Synagoge unweit des Lagers errichtet. Es will an das jüdische Erbe in dieser Stadt erinnern. Im 17. Jahrhundert von König Wladislaw IV. willkommen geheissen, stellen sie in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts von 32 Gemeinderäten deren 18, noch im Jahre 1934 den Vize-Bürgermeister und mit 8200 Glaubensgenossen 58, 5 % der Stadtbevölkerung. 1945 kamen 77 Juden aus den Konzentrationslagern zurück. Die meisten emigrierten früher oder später. Im Mai 2000 starb mit Shimon Klueger der letzte Jude von Osviecim.

Postkartenidyll Birkenau
Nach drei Kilometern Busfahrt erreicht die Gruppe Brzezinka, polnisch für Birkenau. Fünfundzwanzig Reisecars warten auf dem Parkplatz. Dazwischen stehen Taxis, Privatfahrzeuge und Kleinbusse für Sammeltransporte. «Hier befinden sich 98 im Originalzustand erhaltene Objekte, 300 Ruinen, 12 Kilometer Lagerzaun, über acht Kilometer Lagerstrassen und 2,2 Kilometer Eisenbahngleise mit Ausladerampe», preist der Prospekt.
Die Sonne steht schon tief und taucht das Vernichtungslagermuseum in ein angenehmes Licht. Gleich zu Beginn besteigt man den Hauptturm, unter dem die Menschen-Transporte ins Lager rollten. Man geniesst den herrschaftlichen Rundblick über 200 Hektar ehemaliges Konzentrationslager-Gelände, in denen sich an guten Tagen bis zu 6000 Besucher verlieren. Der südliche Teil mit seinen vielen Original-Baracken gleicht aus der Distanz der Grundplatte eines Computers. Vom nördlichen Teil ist nur eine unterteilte Ruinenlandschaft übrig geblieben. Je zwei Kamine und ein Beton-Grundriss tönen die industrielle Vergangenheit an. Direkt zu Füssen erstreckt sich die lange Ankunftsrampe. «Hier wurden die Selektionen durch SS-Ärzte vorgenommen», erklärt der Führer, und macht mit dem Daumen die Bewegungen: Senkrecht ins Gas, waagrecht in die Baracken. Rechts wartet der Tod, links erst die Arbeit. Oder war‘s umgekehrt, rauf und runter, die Hand bewegt sich zu schnell.

Die besten Pilze in der Umgebung
Birkenau gibt eigentlich nichts her für den Besucher, der das Konkrete sucht. Natürlich, da sind die Baracken mit ihren Latrinen und Pritschen. Oder man schlendert durch die so genannte Sauna, in der die Neuankömmlinge zu Lagermasse gemacht wurden. Vielleicht sinniert man vor den vier zerstörten Todesfabriken, am weiteren Zerfall gehindert durch die archäologische Technik, die hier «Permanente Ruine» genannt wird. Und beim Mahnmal wird man von Hundertschaften israelischer Schüler empfangen, die den Abschluss ihrer Polenreise feiern wollen: mit Flaggen, Lautsprechern und VersÍtärkern.

Aber Birkenau lädt vor allem zum Spazierengehen ein. Man nimmt den längeren Weg dem nördlichen Rand entlang. Auf dem angrenzenden, von Gras und Buschwerk Überwucherten Gelände war die Erweiterung geplant. Es lässt sich zum offenen Horizont hin gut der grosse Plan erahnen: das Lager, das man jetzt im Rücken hat, war nur der Anfang. Und so hält man sich lieber wieder an das markierte Territorium. Und begegnet einem Alten, der seinen Hund an der Leine spazieren führt, oder einer Gruppe Radfahrer, die den schönen Weg durch Birkenau als Abkürzung benutzen, um von Osviecim nach Brzezinka zu gelangen.

Westwärts stösst man in ein Birkenwäldchen vor. Darin liegt ein Teich. Frösche fliehen ins Wasser. Hier wurde die Asche aus den Krematorien verstreut. Eine Frau mit Kopftuch, ihr rostiges Fahrrad steht an einen Baumstamm gelehnt, sucht angestrengt den Boden ab. «Pilze» sagt sie. «Die besten in der Umgebung». Man glaubt es. Und würde ihr am liebsten helfen, wenn einen der Rest der Gruppe nicht zwischen Krematorium IV und V davon zu laufen drohte. Auf den Grundmauern hat sich ein Detachement der Israelis niedergelassen, ihre Standarten in den Boden gerammt. Ihre Lehrerin erklärt gerade wie die Todesfabriken funktionierten. Vom Entkleiden im Freien, über den Abstieg in die falschen Duschen, die Wirkung des Gases und das weitere Verfahren mit den Leichen.

Ein Mann mit schlohweisser Mähne marschiert zwischen den Schienen vor dem Tor auf und ab. Er hält ein Schild über den Kopf: «Schluss mit diesem Auschwitz!» Jugendliche aus Deutschland wollen ihn bekehren. Als sie endlich merken, dass er ein ehemaliger Insasse und kein Rechtsradikaler ist, lassen sie von ihm ab.

Zwei Stunden sind in Birkenau vergangen. Man eilt dem Parkplatz zu. Der Bus wartet schnaubend für die 60 Kilometer nach Krakau zurück. Die Kulissen des frisch hergerichteten Judenviertels Kazimierz stehen auf dem Programm. Im Restaurant Arche Noah sind Tische reserviert: Abendessen zu Klezmer-Musik.